Mitstreiter, Partner & Kunden

„Ich will doch auch, dass meine Kinder eine Zukunft haben.“

Michaela Thurau

Aus der Serie: 20 Jahre, 20 Geschichten.

Zur Person

Michaela Thurau, Head of Business Development bei atmosfair, früher in der Flugbranche tätig, begeisterte Umdenk-Unterstützerin. Mit ihrem Team berät sie Unternehmen, Organisationen und Institute bei der Umsetzung ihrer Klimaschutzstrategien. Atmosfair ist seit 2008 Kunde und seit 2016 Kooperations­partner von Greenpeace Energy.


Greenpeace Energy: Liebe Michaela, du hast erzählt, dass du früher in der Flugbranche gearbeitet hast – was hat dich dazu bewegt, „die Seiten zu wechseln“?

Michaela: Ich bin der Meinung, dass fast jeder, der intrinsisch motiviert ist, so eine Art „Erweckungserlebnis“ hat. Das war bei mir der 10. März 2011. Ich war an diesem Tag für meine damalige Firma auf der ITB. Gerade war das Fukushima-Unglück passiert, und ich hatte einen Termin bei einer japanischen Airline. Die Mitarbeiter am Stand – das hat mich tief berührt: Sie haben ganz still geweint. Das Ausmaß der Katastrophe hat man ja vorher schon in den News sehen können, aber hier war es gegenwärtig.

Greenpeace Energy: Und dann?

Michaela: Ich habe mir gesagt: „Das darf nicht so weitergehen. Ich trage ja dazu bei, den Flugverkehr noch weiter anzuheizen. Das ergibt keinen Sinn, ich will doch auch, dass meine Kinder eine Zukunft haben.“ Hinzu kam, dass ich als Greenpeace Mitglied in dieser Hinsicht schon immer zwiegespalten war. Also habe ich mich dann mit den Greenpeace Konzepten auseinander gesetzt und entschieden: Okay, das geht – man muss nur wollen. Es ist unbequem, aber es geht. Ich möchte auch beruflich etwas für die globale Energiewende tun, nicht nur in meiner Freizeit. Deswegen folgten dann auch mein Erneuerbare-Energien-Studium an der Beuth Hochschule für Technik und die Masterarbeit über europäische Klimaschutzziele. 

Greenpeace Energy: Und heute? Bist du stolz auf das, was du heute tust?

Michaela: Auf jeden Fall! Das ist ein sehr, sehr befriedigendes Gefühl. Zum einen ist es großartig, tolle Kooperationen zu starten und zu sehen, was dadurch in unseren Klimaschutzprojekten passiert. Aber richtig zufrieden macht es, wenn man auch zum Umdenken verhelfen kann. Sehr oft gibt es in Unternehmen Treiber, die extrem wichtig sind, aber auch Blockierer und Bremser. Arbeiten muss ich mit beiden Menschengruppen. Aufklären durch Fakten, überzeugen und einen Business Case erstellen, sodass sich im besten Fall eine Win-win-Situation für alle Beteiligten ergibt, das ist die tägliche Herausforderung für mein Team und mich. Am tollsten ist es, wenn während dieser Zusammenarbeit die ehemaligen Skeptiker zu internen Klimaschutzbotschaftern werden und das Projekt vorantreiben. Dann haben wir alle einen guten Job gemacht.
Jetzt ist gerade das Thema Klima en vogue – und ich finde es sehr interessant, dass so viele Privatleute Maßnahmen für die Umwelt und für das Klima ergreifen. Aber leider wird an den wirklich großen Hebeln nicht angesetzt.

Greenpeace Energy: Inwiefern?

Michaela: Nun, wir fahren Fahrrad, machen Carsharing, sind vegan, beziehen vermeintlich grünen Strom. Wenn man allerdings den CO2-Footprint betrachtet, dann machen diese ganzen Dinge nur einen kleineren Teil aus. Aber echten Ökostrom beziehen, und zwar solchen, der in den Ausbau von erneuerbaren Energien investiert, das machen die wenigsten. Oder Flüge und Kreuzfahrten – da wird oft weggeguckt.
Wir fliegen fünfmal im Jahr weg – und wissen zum Teil noch nicht mal wirklich, wohin wir eigentlich fliegen, aber dafür gibt es ja Smartphones mit Google Maps, die einem sagen, wo man ist. Und tolle Handykameras, mit denen man dann 1.000 Selfies machen und posten kann. Reisevorbereitungen? Reisebücher? Einstimmung auf das neue Land, Kultur und Leute? Vorfreude? Ist out, leider.
Nachhaltiger Konsum schließt auch nachhaltiges Reisen ein. Und daran arbeiten wir bei atmosfair mit Hochdruck – damit es auch ein nachhaltiges Angebot von dieser Seite gibt.
Ich habe das Gefühl, dass es gerade Trend ist, dass viele Leute ihr Gewissen beruhigen, indem sie sich nur auf die Peanuts stürzen, anstatt sich mal an die großen Hebel zu wagen.

Greenpeace Energy: Ärgert dich das am meisten?

Michaela: Ja. Und dass viele Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit als Produktlabel benutzen, um bestimmte Zielgruppen zu bedienen. Dabei ist das Ganze oft mehr Marketingstrategie als tatsächliches Engagement. Nachhaltigkeit ist für mich neben verändertem Konsumverhalten zuerst und vor allem Suffizienz, also Genügsamkeit.

Greenpeace Energy: Wenn du jetzt eine Maßnahme bestimmen könntest, was würdest du tun?

Michaela: Eine sozial gerechte CO2-Bepreisung einführen und die 57 Milliarden Euro der umweltschädlichen Subventionen, die jedes Jahr fließen, Stück für Stück streichen.

Greenpeace Energy: Und glaubst du, dass das 1,5-Grad-Ziel noch erreichbar ist?

Michaela: Ja, wenn wir uns alle anstrengen. Das heißt aber: wirklich anstrengen und zwar jeder.

Greenpeace Energy: Meine letzte Frage: Wie wichtig ist für dich Greenpeace Energy heute?

Michaela: Extrem wichtig, einfach um den Leuten zu zeigen: Ökostrom ist nicht gleich Ökostrom. Und den Menschen klarzumachen: So funktioniert’s, so investieren wir in die Energiewende, und wenn du bei uns bist, treibst du sie indirekt mit voran.

Greenpeace Energy: Das ist ein ziemlich gutes Motto für unser Ende - liebe Michaela, ganz herzlichen Dank für das Gespräch.