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„Der Klimaschutz ist jetzt da, wo er hingehört, ganz oben auf der Agenda.“

Antje Grothus

Aus der Serie: 20 Jahre, 20 Geschichten.

Zur Person

Antje Grothus, Umweltaktivistin, Mitglied der Kohle­kommission, Netz­werkerin,  Vermittlerin zwischen Politik, Klima­bewegung, dem Kohle­konzern RWE und auf Demos im Ham­bacher Wald zu finden. 2018 wurde auf ihrem Dach eine PV-Anlage gebaut, die aus den Fördermitteln (1 ct/kWh für den Ausbau von Solaranlagen in Braunkohlerevieren) unseres Solarstrom plus-Tarifs finanziert wurde.


Greenpeace Energy: Liebe Antje, das klingt sehr spannend, was du alles machst. Woher kommt dieses Engagement?

Antje: Angefangen habe ich aus persönlicher Betroffenheit, weil an unseren Dorfrand tagebaubedingt eine sechsspurige Autobahn verlegt werden sollte – gefühlt in unsere Vorgärten. Wir haben daraufhin die Initiative „Buirer für Buir“ gegründet. Und ich dachte: Wir bringen uns jetzt ein, im Rahmen der demokratischen Möglichkeiten, und dann werden wir wohl mehr Schutz bekommen. Dem war nicht so – aufgrund von Verflechtungen zwischen der Lokalpolitik, der Bezirksregierung, dem Landesbetrieb Straßen und auch RWE. Ich bin politikkritischer geworden und auch vor allen Dingen RWE-kritischer.

Greenpeace Energy: Und dann? Was hat dich weiter angetrieben?

Antje: Wir haben uns mit vielen anderen Initiativen vernetzt und dann stand recht schnell die Klimakrise im Mittelpunkt. Es war klar, dass die Förderung von Braunkohle möglichst bald beendet werden muss, wenn wir die Pariser Klimaziele erreichen wollen.
Außerdem habe ich drei Töchter und möchte denen auch gerne eine intakte Um- und Mitwelt hinterlassen. Vor allen Dingen treibt mich der Gedanke der Gerechtigkeit sehr stark an. Ich empfinde diese ganzen Enteignungen, die RWE vornimmt, und dass Menschen aus ihren Dörfern vertrieben werden, als sehr ungerecht. Die großen Konzerne haben eine unglaublich große Macht. Da verstehe ich mich als Gegenpol: als Bürgerlobbyistin.

Greenpeace Energy: Wie sehr achtest du dabei auf Gerechtigkeit, berücksichtigst also die Belange der Menschen in Dörfern, aber auch die der betroffenen RWE-Mitarbeiter? Du bist selbst auch persönlich sehr angegriffen worden ...

Antje: Nachdem ich ein wenig bekannter geworden bin, ist es natürlich so, dass ich bei RWE nicht gut gelitten bin. Da wird man schnell zur Zielscheibe. Damit habe ich gelernt zu leben. Dennoch möchte ich meine differenzierte Haltung, die ich auch von anderen erwarte, nicht aufgeben. Letzten Endes richtet sich meine Kritik überhaupt nicht gegen RWE-Mitarbeiter, sondern betrifft das unverantwortliche Handeln der Konzernführung. Sie ist für die Misere verantwortlich! Weil ein Arbeitgeber dafür zu sorgen hat, dass Arbeitsplätze auch in Zukunft sicher sind. Was mit der Kohleverstromung nicht funktioniert – da hätte RWE schon längst umdenken müssen.
Und was ebenfalls nicht geht, ist, dass einerseits die Menschen in der Braunkohleindustrie sehr viel mehr verdienen als in anderen Betrieben. Von uns wird aber verlangt, dass wir den Wertverlust unserer Häuser oder sogar unsere Enteignung hinnehmen. Also setze ich mich eigentlich nur für einen fairen Interessenausgleich ein.

Greenpeace Energy: Das bringt mich zum Thema Nachhaltigkeit. Was verstehst du darunter?

Antje: Für mich heißt es, dass das natürliche Gleichgewicht erhalten bleibt und vor allen Dingen, nicht Natur und Umwelt als Produktionsfaktor zu sehen, sondern als schützenswertes Gut. Wir haben nur diese eine Erde, und wir täten gut daran, sie pfleglicher zu behandeln und nicht so auszubeuten.
Es heißt ja immer: Kohle ist der einzige subventionsfreie heimische Energieträger. Das stimmt nicht. Der Konzern hat von unglaublich vielen Ausnahmegenehmigungen profitiert. Und hat unseren Planeten, unsere Atmosphäre als kostenloses CO2-Endlager missbraucht. So einen massiven Eingriff in die Natur mit Ewigkeitsschäden wie Grundwasserabsenkung und der Vernichtung wertvoller landwirtschaftlicher Flächen – kann man nicht rechtfertigen, finde ich. Besonders wo wir Alternativen haben, und die schon seit 10-20 Jahren.

Greenpeace Energy: Was ärgert dich da am meisten?

Antje: Mich ärgert die Tatenlosigkeit der Landesregierung und auch der Bundesregierung. Man merkt einfach, es gibt ein macht- und klimapolitisches Vakuum auf der politischen Ebene. Und in diesem Vakuum schafft RWE weiter Fakten. Das finde ich absolut nicht förderlich, weder um den sozialen Frieden in der Region wiederherzustellen noch um das Klima zu schützen.

Greenpeace Energy: Also geht es dir nicht nur um Klimaschutz, sondern auch um soziale Verträglichkeit.

Antje: Sozialverträglichkeit und Strukturwandel dürfen nicht nur auf die Belange von Arbeitsplätzen reduziert werden. Sozialverträglichkeit muss auch für die Menschen hier in der Region gelten, die jahrzehntelang ganz große Opfer bringen mussten für die Kohleförderung und -verstromung. Es ist einfach an der Zeit zu sagen, wir setzen jetzt ein Zeichen. Alle Dörfer bleiben. Punkt. Und mit allen gemeinsam an zukunftsfähigen Lösungen zu arbeiten.

Greenpeace Energy: Was würdest du den Politikern ins Stammbuch schreiben?

Antje: Wir können es uns wegen der fortgeschrittenen Klimakrise nicht leisten, uns im Klein-Klein zu verlieren. Es braucht jetzt, um das Überleben der Menschen und des Planeten zu sichern, einen großen Wurf, und der braucht Mut. Jeder Tag, der ungenutzt vergeht, ist ein verlorener Tag.

Greenpeace Energy: Ist es also die größte Herausforderung, den Mut aufzubringen, Dinge zu verändern?

Antje: Wir wissen alle, der Mensch ist ein Gewohnheitstier, Wandel macht vielleicht vielen Angst. Ich würde lieber den Blick auf die Chancen richten, die wir bei der Umstellung unseres Wirtschaftens haben werden. Dieses Paradigma grenzenlosen Wachstums, das hat schon der Club of Rome gezeigt, das werden wir uns abgewöhnen müssen. Aber an die Stelle kann viel Schönes, anderes treten. Wir haben unheimlich viele tolle Wissenschaftler, wir haben tolle Ingenieure, wir haben die Speicherlösungen, wir haben Windkraft, wir haben Solarkraft, wir können auch Energie einsparen. Ich glaube, dass die Menschen, die Gesellschaft schon viel weiter ist als die Politik. Der Klimaschutz ist jetzt da, wo er hingehört, ganz oben auf der Agenda. Dank der ganzen Initiativen schon aus den 70er-Jahren oder auch Greta, die ein gutes Beispiel dafür ist, wie man mit Beharrlichkeit und Beständigkeit unglaublich viel erreichen kann. Genauso wie der Hambacher Forst ein Symbol dafür geworden ist, dass sich Engagement und am Ball bleiben, Ehrenamt und zivilgesellschaftliches Engagement lohnen.

Greenpeace Energy: Das ist ein gutes Fazit – liebe Antje, danke dir sehr für deine Zeit.