Mitstreiter, Partner & Kunden

„Es funktioniert: Man kann auch mit ökologischen Konzepten ökonomisch auf dem Markt bestehen.“

Roland Hipp

Aus der Serie: 20 Jahre, 20 Geschichten.

Zur Person

Roland Hipp, Geschäftsführer bei Greenpeace. Seit 1983 dabei. Früher Experte für Atomthemen, dann Leiter der Brent-Spar-Kampagne, schließlich Initiator von Greenpeace Energy. Bei Greenpeace zu arbeiten empfindet er als einen privilegierten Job.


Greenpeace Energy: Lieber Roland, warum tust du das, was du tust? Wie ist die Geschichte dahinter?

Roland: In den 1980ern war ich in einer Phase, wo ich überlegt habe: Was tue ich eigentlich Sinnvolles in dieser Welt? Auf dem zweiten Bildungsweg Abitur, Studieren, Betriebswirtschaft – in der Zeit habe ich einen Filmbericht gesehen: „Greenpeace: Helden oder Spinner?“ Das hat mich so fasziniert: Menschen, die wirklich nach dem Motto „Taten statt warten", leben. Ich habe mich dann in einer ehrenamtlichen Gruppe in Stuttgart engagiert, wollte aber auch die Leute in Hamburg kennenlernen – ich hatte das Glück, ganz schnell mit Kampagnenstrategen zusammenzukommen. Dann, und das war einschneidend, als ich bei einer Aktion an einer Hauptstraße mittags – neben mir ganz viele Schüler – stand: Da rasten zwei Atomtransporte an uns vorbei. Rasten!! Wie kann man denn so hochgefährliches Material in eine Innenstadt fahren, nach Heilbronn? Ab da war ich mittendrin in der Atomtechnologie und wurde, zusammen mit zwei anderen, zum Experten für Atomtransporte. Greenpeace hat mir dann '91 einen Einjahresvertrag angeboten.

Greenpeace Energy: Inzwischen sind es aber 28 Jahre …?

Roland: (lacht) Ja, nach dem Jahr war nicht Schluss. Ich wurde Campaigner. Arbeitete sehr oft in La Hagu in Frankreich und in Sellafield in England. Das war sehr dramatisch, weil ich dort bei einer Familie mit leukämiekranken Kindern gelebt habe. Aus meiner Sicht, klar wegen der radioaktiven Verschmutzung durch die Aufbereitungsanlage Sellafield. Ich habe dort Plutonium gefunden – auf Tellern, in Betten, in Sandkästen, überall. 1995 kam die Brent-Spar-Kampagne und '98 wurde ich Bereichsleiter Energie. Das war gerade der Beginn der Liberalisierung des Strommarktes. Eine Riesenchance, um eine Kampagne, zu starten: Würden die Menschen wechseln? Zu einem Anbieter von regenerativen Strom? Der Zuspruch war unglaublich. Obwohl wir den Leuten gesagt haben: „Das wird nicht günstiger, das wird teurer.“

Greenpeace Energy: Wie viele hätten wechseln wollen?

Roland: Ich weiß es nicht mehr ganz genau, rund 60.000 Menschen haben sich gemeldet.

Greenpeace Energy: Gab es denn überhaupt einen Anbieter?

Roland: Wir haben eine richtige Ausschreibung gemacht, um unseren Kriterienkatalog umzusetzen: Damals war noch 50 % Kraft-Wärme-Kopplung im Strommix, 50 % Regenerative, inklusive 1% Solar. 25 Unternehmen haben sich gemeldet. Übrig blieben drei. Und um zu sehen, ob es funktioniert, haben wir einen Testbetrieb vorgeschlagen. Das Ergebnis war erschreckend: Nur das Stadtwerk Schwäbisch-Hall qualifizierte sich.

Greenpeace Energy: Was war das Problem?

Roland: Wir wollten keine Gesamtlieferung übers Jahr, ein sogenanntes Mengenmodell, wir wollten fast schon Echtzeitbelieferung. Das konnten die nicht. Der Geschäftsführer von Schwäbisch-Hall hat mich schließlich gefragt: „Warum macht ihr das nicht selbst? Ihr habt den Namen, ihr habt das Know-how, wir würden euch helfen." Und so entstand die Idee. Im Oktober 1999 hatten wir die Genossenschaft gegründet und sind am 1.1.2000 auf den liberalisierten Strommarkt eingetreten: mit wenigen Kunden, die wir angeschlossen hatten. Weil wir zeigen wollten: Es funktioniert – man kann auch mit ökologischen Konzepten ökonomisch auf dem Markt bestehen.

Greenpeace Energy: Und wie war die Reaktion draußen?

Roland: Ende '99, in der Weihnachtszeit, saßen wir mit 5.000 oder 6.000 Rückantworten im Büro und machten die Kuverts auf: Da gab es Leute, die hatten uns ihren gesamten Stromverbrauch vorgerechnet und schon das Geld reingelegt für das ganze Jahr. Wir waren natürlich völlig euphorisiert. Obwohl immer versucht wurde, uns zu behindern, sitze ich jetzt hier und sage: Es war eine hervorragende Idee, es war eine hervorragende Kampagne. Wir zeigen bis heute, dass man Ökologie und Ökonomie zusammenbringen kann.

Greenpeace Energy: Und wie wird es in 20 Jahren aussehen?

Roland: Wir werden die Energiewende zu Ende bringen. Wir werden aus Atom aussteigen. Wir werden aus der Kohle aussteigen, wir werden in dem Bereich Regenerative weiter steigen. Aber es gibt ja noch ein viel größeres Ziel. Wir wollen ja zeigen, dass ein Industrieland wie Deutschland mit einer 100-%igen regenerativen Versorgung gut leben kann. Um andere zu animieren: Geht mit uns den Weg, es ist der einzige Weg, den wir haben, um den Klimawandel einzudämmen. Wir werden die Städte brauchen, um Lebensraum zu haben, nicht um sie mit Autos voll zustellen. Wir werden also eine ganz andere Mobilität haben. Und eine andere Landwirtschaft: keine Massentierhaltung. Und ökologische Landwirtschaft, daran kommen wir nicht vorbei. Keine Pestizide, keine Antibiotika im Essen, keine resistenten Keime. Wahrscheinlich wird auch auf Wirtschaftssysteme umgestellt sein, die nicht nur den Shareholder-Value, sondern auch das Wohlbefinden des Menschen berücksichtigen. Das ist das, was wir müssen. Für mich bleibt immer nur die Frage: Sind wir damit schnell genug, um den Klimawandel aufzuhalten?

Greenpeace Energy: Lieber Roland, ganz herzlichen Dank für das Gespräch.