Mitstreiter, Partner & Kunden

„Die Bundesregierung ist ein Bremser der Energiewende.“

Nils Müller

Aus der Serie: 20 Jahre, 20 Geschichten.

Zur Person

Nils Müller, Vorstand von Greenpeace Energy. Hamburger, Vater einer Tochter, kommt aus der Finanzwirtschaft, ist vor fast zehn Jahren auf die grüne Seite der Macht gewechselt.


Greenpeace Energy: Lieber Nils, wie bist du bei Greenpeace Energy gelandet?

Nils: Eigentlich war es mehr Zufall. Ich war vorher im Finanzbereich und wollte mich von dort wegbewegen: Ich wollte was Sinnvolleres machen. Dann bin ich per Zufall über Planet Energy gestolpert, fand es interessant und hab es mir angeguckt.

Greenpeace Energy: Was treibt dich an, jeden Morgen Gas zu geben und dich gegen so viele Dinge zu behaupten?

Nils: Es ist doch was ganz anderes, wenn man aufsteht und weiß, man macht was, was total sinnvoll ist. Das reicht ja eigentlich schon. Und wenn man dann noch sagt, das macht Spaß, und man in so einem Umfeld arbeitet, wie wir es haben –, die Kultur bei Greenpeace Energy – dann macht es total Spaß.

Greenpeace Energy: Was ist an unserer Kultur so besonders?

Nils: Sie ist offen, sie ist nach vorne gerichtet, visionär. Wir sind aber auch ein hochprofessioneller Laden, und das ist auch im Markt angekommen. Vor gar nicht so langer Zeit haben uns noch viele belächelt: Wollsocken und Birkenstocks und so ... Heute findet es jeder total cool, wenn man bei Greenpeace Energy arbeitet. Wir sind mittlerweile hoch anerkannt, sowohl das Unternehmen als auch das Thema Erneuerbare.

Greenpeace Energy: Wie kommt das?

Nils: Greta Thunberg hat es mächtig forciert, die Diskussion um den Hambacher Forst hat es mächtig vorangetrieben. Oder dieses Rezo-Video, das sich ja auch viele angeguckt haben. Aber ich wundere mich, wenn Leute sagen: „Das ist ja erschreckend, was er sagt!“ Wir wissen das seit Ewigkeiten, und wir predigen das seit Ewigkeiten. Aber jetzt hat die breite Bevölkerung das mitbekommen, und schon stehen auch wir in einem anderen Licht da.

Greenpeace Energy: Was macht ihr damit? Wie nutzt ihr diesen Umschwung?

Nils: Das ist vor allen Dingen natürlich politische Lobbyarbeit. Einfluss nehmen. Was ja nur funktioniert, wenn man als Marktteilnehmer wahrgenommen wird. Und wenn man beweist, dass man die Lösung, die man vorschlägt, auch umsetzen kann. Wir haben zum Beispiel RWE das Angebot gemacht, als die Diskussion um den Hambacher Forst losging, ihnen die gesamte Braunkohlesparte abzukaufen. Das heißt, nicht Greenpeace Energy kauft die Braunkohlesparte ab – wir haben ein Konzept entwickelt, wie es funktionieren könnte. Wie die Bevölkerung partizipieren kann, um dort dann nach dem Kauf und der Stilllegung den Aufbau von Erneuerbaren vor Ort zu entwickeln und die Flächen sinnvoll zu nutzen. Und das war nicht mal eben eine „nette Idee“ – wir haben da viel Arbeit reingesteckt: Wie könnte man das Geld zusammenbringen? Wie kann man den Rückbau gestalten? Oder was bedeutet es für die Arbeitsplätze vor Ort, wie viele Arbeitsplätze könnten neu geschaffen werden, wie viele könnten dort verloren gehen? Unsere Lösung ist viel schneller als die, die jetzt durch die Kohlekommission beschlossen wurde. Es muss schneller gehen.

Greenpeace Energy: Was hat RWE dazu gesagt?

Nils: Die haben natürlich abgelehnt. RWE ist schlau genug, um zu wissen, dass sie genug Einfluss haben, um von der Politik Kompensationen für die Stilllegung ihrer Kraftwerke zu bekommen. Und diese Kompensationen könnten am Ende viel höher ausfallen als der Wert ihrer Kraftwerke. Den hätten wir ersetzt, aber das, wovon jetzt tatsächlich die Rede ist, das übersteigt den Wert der Kraftwerke um ein Vielfaches. Diese Konzepte, die wir da anhand des Rheinischen Reviers aufzuzeigen versuchen, sind auch auf die anderen Braunkohlereviere übertragbar. Indem man diese Flächen nutzt, um dort erhebliche Kapazitäten an erneuerbaren Energien zu errichten. Weil wir diese Kapazitäten für die Energiewende brauchen. Wir stehen erst vor einem Bruchteil dessen, was wir in den nächsten 20 Jahren hinbekommen müssen, um den Klimawandel zu begrenzen auf die 1,5 Grad.

Greenpeace Energy: Schaffen wir das?

Nils: So wie es jetzt aussieht, nein. Und ich glaube, das ist auch ganz wichtig, dass das erkannt wird. Die Bundesregierung ist ein Bremser der Energiewende. Das ist völlig klar. Es gibt Deckelungen des Ausbaus der erneuerbaren Energien. Es gibt alle möglichen Erschwernisse, die letztendlich dazu führen, dass zum Beispiel viel zu wenige Windparks neu genehmigt werden. Und das alles führt dazu, dass wir dieses Ziel niemals erreichen können, wenn es so weitergeht. Wir sagen, wir wollen 2040 eigentlich CO2-frei sein. Dann hätten wir jetzt Halbzeit. Dann wären in 20 Jahren die Energiethemen vom Tisch. Strom, Verkehr, Wärmeversorgung – alles vom Tisch. 2040. Dann schließen wir ab und sagen, wir haben unsere Aufgabe erfüllt und fertig. Glaube ich nicht. Wäre toll, aber schade um Greenpeace Energy wegen der Kultur. Die müssen wir dann woandershin transferieren (lacht).

Greenpeace Energy: Lieber Nils, danke dir für deine Zeit.