Droht eine Renaissance der Atomenergie und wie kann diese verhindert werden? Diese Frage prägte die vom Ökostromer Greenpeace Energy und der Initiative Sayonara Nukes Berlin initiierte Online-Debatte „10 Jahre Fukushima: Atomausstieg und Energiewende in Deutschland und Japan“.

Von Jörg Staude, bizz energy

Den Tag des GAU in Fukushima erlebte jede:r der drei Diskussionsteilnehmer:innen anders: Swantje Fiedler, vor zehn Jahren als Wissenschaftlerin beim Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) tätig und mit den Risiken der Atomkraft vertraut, war von den Bildern der Katastrophe „überrascht und schockiert“. So erinnerte sie sich zu Beginn der vom Ökostromer Greenpeace Energy und der Initiative Sayonara Nukes Berlin initiierten Online-Debatte „10 Jahre Fukushima: Atomausstieg und Energiewende in Deutschland und Japan“.

„Ich hatte dann die Hoffnung, dass dieses Ereignis zu einem Umdenken führen kann und zu einem schnelleren Atomausstieg“, sagte Swantje Fiedler weiter und rief den rund 120 Teilnehmer*innen noch einmal ins Gedächtnis, dass gerade kurz zuvor von der Bundesregierung die Laufzeiten der deutschen Akw verlängert worden waren. Zumindest in Deutschland habe sich die Hoffnung aus ihrer Sicht dann „bewahrheitet“ und – wiederum überraschend – sei für sie gewesen, wie schnell die Kehrtwende vollzogen wurde.

Swantje Fiedler vom Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft. Foto: FÖS; Foto oben: Shutterstock

Zur Zeit des GAU studierte Kensuke Nishimura, Kenner des japanischen Energiemarktes und Geschäftsführer der Berliner Beratungsfirma Umwerlin, an der FU in Berlin. Die Bilder vom Tsunami in seinem Heimatland waren für ihn ein Schock. „Viel denken konnte ich in dem Moment nicht“, berichtete er. Später empfand es Nishimura als überraschend, wie stark in Japan die Debatte um die erneuerbare Energien Fahrt aufnahmen. Allerdings bestätigte sich inzwischen auch seine bereits damals gehegte Befürchtung, dass auch die Kräfte pro Atomenergie dort wieder an Kraft gewannen.

Schneller „Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg“

Sönke Tangermann, Vorstand der Ökoenergiegenossenschaft Greenpeace Energy, erinnerte sich beim Stichwort Fukushima an eine durchwachte Nacht vorm Fernseher, ans explodierende Dach eines Reaktorgebäudes und die gewaltige Rauchsäule. „Hätte ich mich selbst fotografiert, hätte man mich ungläubig staunend gesehen.“

Wie Fiedler faszinierte Tangermann der schnelle „Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg“, wie er aufzählte. Anders gesagt: Dass die Bundesregierung den mit der Laufzeitverlängerung beschlossenen Ausstieg aus dem rotgrünen Atomausstieg so schnell kippte.

Wenn eine Frage die anderthalbstündige Online-Debatte vor dem engagierten Publikum prägte – dann war es die, ob eine Renaissance der Atomenergie droht und wie diese verhindert werden kann? Swantje Fiedler zeigte sich zuversichtlich, dass eine Renaissance wenig Chancen habe. „Für weite Teile der Bevölkerung und der Politik ist gesetzt, dass Atomenergie eine teure und risikoreiche Art der Stromerzeugung ist.“ Sie hegt deshalb keine Bedenken, dass der Atomausstieg in Deutschland erneut rückgängig gemacht oder hinausgezögert wird.

Für Sönke Tangermann ist nun entscheidend, ein Wiederaufkommen der Atomkraft auch in anderen europäischen Staaten zu verhindern. Daraus speise sich auch der Kampf von Greenpeace Energy gegen Akw-Neubauten wie Hinkley Point C. „Es ist absurd, dass so ein Kraftwerk – erst durch staatliche Förderung möglich gemacht – die Energiepreise verzerrt und die Märkte mit Atomstrom überschwemmt.“

Atomenergie – die „teuerste Erzeugungsart, die es gibt“

Für den dringend notwendigen massiven Ausbau benötigten die Erneuerbaren gute Bedingungen, betonte der Vorstand der Energiegenossenschaft weiter. Diese zu schaffen, sei aber besonders schwer, wenn es so aussähe, als wäre die Atomenergie eine wirkliche Alternative. „Sie ist es aber nicht – Atomenergie ist die teuerste Erzeugungsart, die es gibt.“

Greenpeace-Energy-Vorstand Greenpeace Sönke Tangermann. Foto: Christine Lutz / Greenpeace Energy eG

Tangermann stellte zudem klar, dass der unflexible Atomstrom nicht mit erneuerbaren Energien kompatibel ist. „Der Löwenanteil des Stroms wird künftig aus den Erneuerbaren kommen. Und dazu passen keine Atomkraftwerke, die auf kontinuierlichen Niveau produzieren und nicht auf die mit dem Wetter variierende Wind- und Solarstromproduktion abgestimmt werden kann. So verstopfen sie das Stromnetz, wenn es viel Wind- und Solarenergie gibt, obwohl die Erneuerbaren einen gesetzlichen Einspeisevorrang haben.“

Tangermann kritisierte auch andere Mythen der Atomenergie. Darunter die Behauptung, dass diese eine besonders versorgungssichere Erzeugung garantiere. Denn: In Frankreich würden Akw regelmäßig abgeschaltet – wegen technischer Probleme oder aufgrund von Dürren, in deren Folge es an Kühlwasser fehle.

Energieexperte Kensuke Nishimura. Foto: privat

Auch für Japan gibt es, so Energieberater Kensuke Nishimura, eine realistische Möglichkeit, aus der Atomenergie auszusteigen. „Dafür brauchen wir aber noch einige Zeit.“ Aktuell finden 60 bis 70 Prozent der japanischen Bevölkerung Atomkraft gefährlich und 50 bis 60 Prozent haben Ängste, sagte er mit Bezug auf aktuelle Studien. Nur ein Viertel der Japaner denke, dass Atomkraft für ihr Land nützlich und nötig ist. „Höre man nur auf die japanische Bevölkerung, ist die Antwort eigentlich klar“, erklärte Nishimura.

Solange keine neuen Akw gebaut werden, gingen die bestehenden Anlagen ohnehin früher oder später vom Netz. So lange will der Energieexperte aber nicht warten. Für ihn besteht die Aufgabe der Regierung in Tokio darin, jetzt einen genauen Plan zu entwickeln, wann Japan aus der Atomkraft aussteigt.

Swantje Fiedler befürchtet ihrerseits schon, dass Atomkraft als eine Art „einfache“ Lösung wahrgenommen wird, um das globale Klimaproblem zu lösen. Diese Auffassung hält sie für gefährlich. Selbst wenn Atomtechnologie helfen könnte, würde diese für den Klimaschutz aber „viel zu spät“ kommen, betonte die Wissenschaftlerin. Auch aktuell lancierte Ideen wie kleinere modulare Reaktoren oder die so genannte „Transmutation“ seien allesamt „theoretisch“ und „könnten vielleicht irgendwann in hundert Jahren in großem Maßstab funktionieren“, so Fiedler.

„Temporäre“ Verlängerung ist keine Lösung

Ebenso wenig würde eine „temporäre“ Verlängerung der Akw-Laufzeiten um drei bis vier Jahre bringen, wie sie derzeit ins Spiel gebracht wird, betonte Fiedler in der Debatte. Damit würde nur „Druck“ aus dem Problem genommen, bei den Erneuerbaren endlich voranzukommen. Im Übrigen brauche man die Atomkraft auch nicht, damit es in Deutschland zu keinem „Blackout“ kommt. Dafür stünde eine Reihe anderer Kraftwerke bereit. Diese verursachten möglicherweise auch zusätzliche CO2-Emissionen – für Fiedler sind das aber „Übergangsprobleme“. Die löse man nicht, indem die AKW länger liefen.

Eine Ursache, warum Atomenergie als Idee für eine „Lösung“ wiederkehren konnte, ist für Sönke Tangermann hausgemacht. „Die Politik konnte sich nicht entscheiden, die Erneuerbaren wirklich konsequent voranzubringen. In den letzten drei Jahren haben wir 40.000 Arbeitsplätze in der Windindustrie verloren, weil zu wenig zugebaut wurde“, sagte er.

Die Ursache dafür sieht Tangermann in den Kürzungen der Erneuerbaren-Förderung. Wenn der politische Wille da ist, wäre es für ihn ohne Weiteres möglich, mit Ökostrom den Atomstrom vollständig zu ersetzen. „Wir haben in Deutschland in einzelnen Jahren bis zu 5.000 Megawatt an Windkraft zugebaut _ ich möchte einmal sehen, dass man dies mit Atomkraft in einem Land schafft.“ Und bei Photovoltaik habe es bis zu 8.000 Megawatt Zuwachs in einem Jahr gegeben – all das zeigt für Sönke Tangermann die großen Potentiale der erneuerbaren Technologien. „Wir haben alles, was wir brauchen, um es zu tun – wir müssen es einfach machen.“

Der Beitrag ist in einer Medienkooperation mit dem Online-Magazin bizz energy entstanden und wurde zuerst dort veröffentlicht.