Neubauten von Atomkraftwerken sind teuer und selten im Zeitplan – das belegen aktuelle AKW-Projekte wie in Frankreich oder Großbritannien. Die Atomindustrie setzt deshalb verstärkt darauf, bereits vorhandenen Reaktoren einfach länger am Netz zu lassen – obwohl diese größtenteils bereits Jahrzehnte alt sind. Unter dem Motto „Laufzeit. Verlängert. Gefahr“ widmete sich deshalb die diesjährige „Nuclear Energy Conference“ mit Experten, NGOs und Anti-Atom-Aktivisten ausführlich diesem Thema. Rund 80 TeilnehmerInnen waren zur NEC2019 ins österreichische Linz gekommen – auch Greenpeace Energy war mit dabei.

Expertin Oda Becker auf der Linzer Konferenz. Fotos (2): Harald Steinbichl / roadside-picnic.com

Nach aktuellen Planungen sollen in der EU 32 Reaktoren – also ein Viertel des Kraftwerksparks –länger in Betrieb bleiben, als die ursprünglich geplanten 30 bis 40 Jahre. Vielfach sind diese Laufzeitverlängerungen bereits genehmigt worden. Doch durch den Weiterbetrieb der Uralt-Meiler entstehen nicht zu unterschätzende Risiken, warnte in Linz die Atomexpertin Oda Becker: Da sei zum einen der physische Verschleiß von Bauteilen durch Hitze, Strahlung oder Korrosion. Nachrüstungen könnten das Problem nicht lösen, denn nicht alle alten Komponenten eines AKWs lassen sich so einfach erneuern oder ständig überwachen. Zum anderen seien auch die Sicherheitskonzepte an sich – etwa der Schutz gegen Flugzeugabstürze oder Anschläge – veraltet. „Das ‚Alterungsmanagement durch die Betreiber klappt nur sehr bedingt“, so Becker. Ihr Fazit: Der geplante Langzeitbetrieb dutzender Meiler „erhöht signifikant das Risiko für radioaktive Freisetzungen in Europa“ – sprich: von nuklearen Unfällen.

Zahlreiche internationale ExpertInnen waren zur NEC2019 nach Linz gekommen. Fotos (3): Christoph Rasch / Greenpeace Energy eG

Ähnlich kritisch äußerte sich Wolfgang Renneberg, ehemaliger Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium  und heute Experte  der International Nuclear Risk Assessment Group (INRAG). Er monierte, dass schon jetzt offizielle Sicherheitsberichte von AKWs mögliche Risiken oft ausblenden. „Wir brauchen einen verpflichtenden Risikobericht als Ergänzung zum üblichen Sicherheitsbericht, der den Zustand eher im Sinne der Betreiber darstellt “, so Renneberg. Er forderte zudem, dass eine Beteiligung von zivilgesellschaftlichen Akteuren zwingend nötig für eine effektivere Atomaufsicht ist – um den Genehmigungsbehörden  auf die Finger zu schauen: „Laufzeitverlängerungen sollten keine rein behördlichen Entscheidungen sein, sondern gesamtgesellschaftliche Entscheidungen.“

Patricia Lorenz von Friends of the Earth Europe bei der Schlussdiskussion der Konferenz.

Wie aber kann sich die Öffentlichkeit gegen Laufzeitverlängerungen wehren? Eine Möglichkeit stellte Patricia Lorenz von Friends of the Earth Europe vor: „Wenn man grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP) nicht nur bei AKW-Neubauten, sondern auch für Laufzeitverlängerungen etablieren würde und dort Sicherheitsbedenken dokumentiert werden , könnte das Meinungsbild in der Bevölkerung deutlich atomkritischer ausfallen“, so Lorenz.

Mehr als 80 TeilnerInnen hatten sich zur diesjährigen Konferenz angemeldet.

Zumindest in Österreich scheint diese Idee zu verfangen: „Jede Laufzeitverlängerung braucht eine UVP“, forderte Elisabeth Köstinger, österreichische Bundesministerin für Nachhaltigkeit in einer Video-Grußbotschaft. Leider gebe es hierzu aber noch keine einheitliche europäische Haltung. Nachdem sich inzwischen auch der Europäische Gerichtshof mit dieser Frage befasst, zeigten sich jedoch einige TeilnehmerInnen der Linzer Konferenz optimistisch, dass Bewegung in dieses Thema kommen könnte.

Und noch ein weiteres Signal zu europäischen Atomprojekten dürfte demnächst vom obersten europäischen Gericht entschieden werden –  nämlich das Verfahren um das britische AKW-Projekt“ Hinkley Point C. Die Klage der Republik Österreich könnte im Herbst vom EuGH entschieden werden. Eine Klage von Greenpeace Energy war 2017 in einem parallelen Verfahren vom  EuGH abgewiesen worden. Hinkley Point C gilt als Blaupause für Atomprojekte in mehreren EU-Staaten.

Das tschechische AKW Temelin.

Ein weiterer spannender Punkt auf der Konferenz in Linz waren daher auch Berichte über die aktuelle Lage in verschiedenen europäischen Staaten, deren Regierungen derzeit konkrete Atomprojekte verfolgen – und parallel auf Laufzeitverlängerungen setzen.

In Tschechien sollen die Mitte der 80er-Jahre eingesetzten Reaktoren in Dukovany noch über ihre geplante Laufzeit hinaus weiter Strom liefern – „mit unbegrenzter Laufzeit-Genehmigung“, berichtet Dalibor Strasky, Nuklearphysiker und oberösterreichischer Anti-Atombeauftragter.  Und das trotz bekannter Alterungs- und Verschleißerscheinungen, etwa an den Schweißnähten von sicherheitsrelevanten Rohrleitungen. Auch am zweiten tschechischen AKW Temelin sind inzwischen mehrere verschleißbedingte Unregelmäßigkeiten aufgetreten – wie etwa der Austritt von radioaktiv belastetem Wasser.

Slowenien will zwar den Anteil Erneuerbarer Energien auf 50 Prozent ausbauen – die anderen 50 Prozent soll aber die Atomkraft zur Verfügung stellen. „Das vorhandene AKW Krsko reicht für dieses Ziel nicht, das Land müsste einen zweiten Reaktor bauen“, sagt Leo Seserko. Der heutige Umweltaktivist war nach der Wende Vizepremier und Umweltminister der ersten demokratisch gewählten Regierung Sloweniens. „Dabei reichen etwa die Kühlwasser-Kapazitäten schon für einen Reaktor nicht mehr aus“, berichtet er.

AKW-Standort Paks in Ungarn. Foto: Greenpeace

In Ungarn soll am vorhandenen AKW-Standort Paks ein neuer Reaktor entstehen. „Die Regierung propagiert, Ungarn so zum Exporteur von billigem Atomstrom zu machen“, so Joszef Kobor, Strahlenbiologe, Mitglied von Nuclear Transparency Watch und Europakandidat der ungarischen Grünen. In Paks ist die Kühlwasserproblematik groß – die Donau als benachbarter Fluss könnte sich bei Betrieb eines zweiten AKW-Blocks deutlich aufheizen, so Kobor.

Finnland: Dort sind vier Reaktoren in Betrieb, deren Laufzeiten bereits erheblich verlängert worden sind. Der EPR-Reaktor Olkiluoto 3, ein Prototyp für weitere Bauten des Druckwasserreaktors etwa in Frankreich und Großbritannien, ist seit Jahren im Bau – die Verzögerungen und damit verbundenen Kostenexplosionen haben die finnischen Verbraucher bereits hunderte Millionen Euro pro Jahr gekostet. „Inzwischen werden in der Politik Fragen laut, ob Hersteller Areva einen sicheren Betrieb der Anlage garantieren will“, sagt die finnische Aktivistin Ulla Klötzer. Für das geplante AKW Hanhikivi 1 ist ein russischer Druckwasserreaktor geplant – zum Preis von bis zu sieben Milliarden Euro. Der russische Staatskonzern Rosatom will sich – ähnlich wie in Ungarn – um die Finanzierung kümmern. Noch fehlen allerdings wichtige Dokumente für eine Genehmigung des Projektes.

In Frankreich „sind mehr als 30 Reaktoren vom Problem der Überalterung betroffen“, so Bruno Chareyron, Direktor des CRIIRAD-Labors, einer NGO für unabhängige Strahlungsforschung. Einige Blöcke – wie in Fessenheim nahe der deutschen Grenze – haben das Betriebslimit von 40 Jahren bereits überschritten. Probleme gibt es auch beim EPR-Neubauprojekt Flamanville – dies betrifft unsaubere Schweißnähte, aber auch fehlerhaft hergestellte Metallteile für den Reaktor.

Mehr Infos zur Nuclear Energy Conference finden Sie hier: http://www.nec2019.eu/de/