Seit 2001 schon drehen sich die Windräder von Planet energy im schleswig-holsteinischen Uetersen. Doch im Windpark steht eine Zeitenwende an: Die alten Mühlen sollen demnächst ersetzt werden – ein so genanntes „Repowering“. Das Besondere: In Uetersen und der näheren Umgebung können sich Anwohner*innen direkt an dem Projekt beteiligen. Das ist ein wichtiger Baustein für die Energiewende-Akzeptanz vor Ort – und ganz im Sinne des ursprünglich als Bürgerwindpark gestarteten Vorhabens. Im Interview geben die verantwortlichen Kollegen von Planet energy, der 100%igen Kraftwerkstochter von Greenpeace Energy, die den Windpark mehrheitlich führt und betreibt, Auskunft über das Projekt.

Frage: Warum muss der Windpark Uetersen überhaupt „repowert“ werden? Kann man die Anlagen nicht einfach weiterlaufen lassen?

Jasper Starke: Im Windpark stehen aktuell sechs Windenergieanlagen, aber die sind ziemlich in die Jahre gekommen. Inzwischen gibt es weitaus leistungsfähigere Windturbinen auf dem Markt. Wir haben ausgerechnet, dass wir nach einem Repowering – also dem vollständigen Ersetzen der alten Anlagen durch neue – in Uetersen mit nur vier statt sechs neuen Windrädern rund viermal so viel erneuerbaren Strom erzeugen können.

Julian Tiencken: Für Kenner der Materie: Der neue Park hätte dann einen Energie-Ertrag von 48 Gigawattstunden – statt der bisherigen zwölf. Genug, um rechnerisch 16.000 Haushalte jedes Jahr mit sauberem Strom zu versorgen. Ein erheblicher Nutzen für den Klimaschutz, denn würde die gleiche Strommenge mit dem konventionellen Kraftwerkspark erzeugt werden, würden dabei pro Jahr etwa 19.000 Tonnen des Klimagases CO2 ausgestoßen werden.

Bei inzwischen mehr als 30.000 Windenergieanlagen in Deutschland: Kommt es für den Klimaschutz auf einen Park mehr oder weniger überhaupt an?

Julian Tiencken ist Geschäftsführer der Planet energy GmbH, einer 100%igen Tochter der Ökoenergiegenossenschaft Greenpeace Energy. Fotos (2): Christine Lutz / Greenpeace Energy; Foto oben: Maik Barge

Tiencken: Im Moment ist die Energiewende an einem entscheidenden Punkt, wo es auf jedes Windrad ankommt, denn wir hinken beim Windkraft-Ausbau massiv hinterher. Und von den Anlagen, die es gibt, sind viele betagt, wie die in Uetersen, und verlieren demnächst ihre EEG-Förderung. Deshalb droht oft sogar ein Rückgang der Windenergie, wenn alte Windturbinen abgeschaltet würden und gleichzeitig der Bau neuer Windräder stockt– wegen politischer oder rechtlicher Hindernisse. Die Folge: In Deutschland entstehen insgesamt zu wenige Anlagen, um die Klimaziele erreichen zu können. – Und: In Zukunft werden wir zusätzliche Ökostrom-Mengen brauchen, um E-Autos oder Wärmepumpen für die private Heizung damit zu versorgen. Deshalb ist auch der Erfolg eines einzelnen Repowering-Projektes wie in Uetersen so wichtig.

Starke: Zudem können wir in Uetersen als Projektierer auf die langjährigen Erfahrungen mit dem bestehenden Park aufbauen, ohne mit einem neuen Projekt irgendwo anders bei null beginnen zu müssen. Das erleichtert die Planungen erheblich.

Dennoch fragen sich bei Windpark-Projekten wie in Uetersen ja viele Menschen vor Ort: Was habe ich davon?

Als Projektingenieur Windenergie betreut Jasper Starke bei Planet energy das Repowering-Projekt in Uetersen.

Starke: Einiges! Der neue Windpark, der dann auch die gesetzliche EEG-Vergütung erhält, erwirtschaftet künftig einen Ertrag, der deutlich mehr Gewerbesteuern in die Gemeindekasse spülen dürfte als bisher. Auch lokale Projekte für das Gemeinwohl sollen aus einem Teil der Einnahmen unterstützt werden. Es soll zusätzlich einen lokal vergünstigten Stromtarif für die Anwohner am Windpark geben – damit die Bürgerinnen und Bürger direkt vom Ökostrom aus den Anlagen in ihrer Nachbarschaft profitieren können. Außerdem sieht das EEG seit Anfang 2021 eine Zahlung von 0,2 Cent für jede erzeugte Kilowattstunde vor, die Betreiber freiwillig an Kommunen im Einzugsbereich eines Windparks entrichten können. Das haben wir auch vor. Allein damit würden für Uetersen und die Nachbargemeinden bei einem erwarteten Energieertrag von rund 48 Millionen Kilowattstundenrund 96.000 Euro pro Jahr fließen können. In Summe eine Menge echter Vorteile.

Tiencken: Das Wichtigste aus unserer Sicht ist aber: Die Menschen in Uetersen und Umgebung sollen künftig direkt am Windpark teilhaben können. Sie können eine Genossenschaft für Projekte im Bereich der Energiewende gründen und sich auf diesem Weg finanziell am Windpark beteiligen.

Die Anwohnerinnen und Anwohner können also den Windpark vor ihrer Haustür also zu einem Teil mitbesitzen. Können sie dann auch mitentscheiden?

Starke: Natürlich. Zunächst einmal: Jeder, der in den Einzugsgemeinden lebt, soll sich an dieser Energiegenossenschaft beteiligen können – ganz niedrigschwellig ab 250 Euro und mit maximal 5.000 Euro, damit möglichst viele Menschen zum Zuge kommen. Aus diesem Geld werden die Anfangsinvestitionen für den Park mitfinanziert – da kann also jeder sagen: ‚Da steckt auch mein Geld mit drin!‘ Letztlich wird die lokale Genossenschaft dann durch engagierte Bürgerinnen und Bürger geführt – und die reden dann als Mit-Gesellschafter des Windparks auch bei allen wichtigen Fragen mit. Mit den Erfahrungen der Energiegenossenschaft Greenpeace Energy im Rücken leisten wir gerne Hilfe bei der Gründung. Ziel ist es aber, möglichst eigenständige Bürgerenergie-Akteure vor Ort auf den Weg zu bringen. Diese sollen perspektivisch mit der Genossenschaft auch noch weitere erneuerbare Projekte Vorort angehen, der repowerte Windpark darf im Sinne der Energiewende nur der erste Schritt sein.

„Unser Ziel: Möglichst eigenständige Bürgerenergie-Akteure vor Ort auf den Weg zu bringen!“


Klingt nach deutlich mehr Aufwand. Warum macht Ihr trotzdem dieses freiwillige Beteiligungsangebot?

Tiencken: Weil eine ökologisch-dezentrale Energiewende ohne Bürgerinnen und Bürger nicht geht! Ihr Gelingen steht und fällt damit, dass die Mehrheit der Menschen dieses gesellschaftliche Großprojekt auch weiterhin aktiv unterstützt. Auch die lokale Wertschöpfung, die Vorteile für die Kommunen und sogar für das demokratische Gemeinwesen sind umso größer, je stärker die Bürgerenergie engagiert ist. Hier sehen wir Handlungsbedarf: Eine Untersuchung der Agentur für Erneuerbare Energien hat kürzlich gezeigt, dass bundesweit immer weniger Ökostrom-Anlagen in der Hand von Privatleuten sind. Die direkte Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger – einst Treiber der Energiewende – sinkt also. Und genau da setzt unser Vorschlag an: Je konkreter die organisatorische Beteiligung, desto höher die Akzeptanz der Menschen.

Kontaktpflege zu Anwohner*innen: Tiencken (4.v.l.) 2017 beim Mühlenfest in Uetersen. Foto: Maik Barge / Greenpeace Energy eG

Und wer Zeit und Geld in die Bürgergenossenschaft investiert und sich dann dort vielleicht noch ehrenamtlich einbringt, bekommt der auch etwas für sein Engagement?

Starke: Der neue Windpark wird auf Grund seiner Größe deutlich höhere Erträge erwirtschaften als der bisherige Park. Wir rechnen mit bis zu 2,7 Millionen Euro pro Jahr. Aus der Differenz dieser Erträge und den gesamten Aufwendungen bildet sich der wirtschaftliche Erfolg. Und an diesem werden die Mitglieder der Energiegenossenschaft per Ausschüttung natürlich entsprechend beteiligt. Eine solche Genossenschaft soll wie gesagt auch über Uetersen hinauswirken – und in Zukunft auch weitere Erneuerbaren-Projekte in der Region realisieren. Das Windpark-Repowering könnte dafür die Initialzündung sein.

Mehr Beteiligte würde aber auch heißen: Mehr Diskussionen und vielleicht auch eine kompliziertere Entscheidungsfindung in der Betreiber-Gesellschaft?

Tiencken: Im Gegenteil, wir glauben, dass die direkte Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern sehr fruchtbar für die Entwicklung des Windparks ist. Die kennen die Stimmung und die Bedürfnisse vor Ort, sind dort eng vernetzt – das erleichtert die Kommunikation in die Region, mögliche Konflikte lassen sich so frühzeitig erkennen und konstruktiv angehen.

Apropos: Bis Ende Januar konnte sich die Öffentlichkeit vor Ort ja bereits mit schriftlichen Einwendungen zum Projekt beteiligen, es gab auch einige kritische Stimmen. Was lässt sich zur Resonanz auf das Repowering-Projekt bis jetzt sagen?

Starke: Wir werten die eingegangenen Stellungnahmen in den nächsten Wochen gründlich aus und werden dann dazu – auch öffentlich – Stellung nehmen. So viel vorab: Ja, es gibt einzelne Bedenken zum Beispiel wegen möglicher optischer Auswirkungen der neuen, größeren Windräder auf das Landschaftsbild – und Sorgen, ob größere Rotoren auch höhere Schall-Emissionen mit sich bringen. Hier übrigens können wir schon mal beruhigen. Weil die neuen Rotoren langsamer drehen und ruhiger laufen, wird der neue Windpark nicht lauter. Aber genau auf diese und andere Fragen wollen wir in den kommenden Monaten den Menschen vor Ort antworten – am liebsten persönlich, soweit die Pandemie-Situation das dann zulässt.

Es gab parallel zur Öffentlichkeitsbeteiligung in den lokalen Medien auch Kritik zu den möglichen Auswirkungen der neuen Windräder auf die Natur, insbesondere auf die Tierwelt. Was entgegnet Ihr dem?

Die vorhandenen Anlagen sind in die Jahre gekommen. Inzwischen gibt es deutlich leistungsfähigere Windturbinen auf dem Markt. Foto: Maik Barge / Greenpeace Energy eG

Tiencken: Die Prüfung durch das Land Schleswig-Holstein im Zuge der erst vor kurzem abgeschlossen Raumplanung zur Windenergie hat ergeben, dass diese Fläche in Uetersen auch in Bezug auf den Artenschutz für ein Windkraftprojekt besonders geeignet ist. Die Einschätzungen der externen Fachuntersuchungen aus dem Jahr 2020 und den vorausgegangenen Jahren kommen ebenfalls zu dem Schluss, dass insbesondere geschützte Vogelarten und Fledermäuse auch durch die neuen Anlagen nicht gefährdet sind. Das bestätigt uns auch der Mühlenwart, der oft draußen am Windpark ist. Trotzdem wollen wir entsprechende Bedenken natürlich genau überprüfen.

„Nach Abwägung aller Fakten spricht aktuell alles für ein Repowering.“

Was sind die nächsten Schritte, wie geht es weiter?

Starke: Jetzt ist erst mal die Stadt Uetersen am Zug. Sie und die Nachbargemeinden müssen den Vorgaben des Landes zur Raumordnung beim Windenergieausbau folgen und die bereits im vergangenen März angestoßene Anpassung der Bauleitplanung abschließen. Ist das erfolgt, soll der Beginn des Genehmigungsverfahrens nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz Ende 2021 starten. Im Zuge dieses Verfahrens werden die Umweltauswirkungen überprüft, die dem Bau und Betrieb der Windenergieanlagen zugrunde liegen. Dies wird ungefähr ein Jahr dauern. Zum Ende des Jahres 2021 fällt der bestehende Windpark aus der EEG-Vergütung und läuft erst einmal ohne Förderung weiter.

Tiencken: Nach Abwägung der Fakten spricht aktuell alles für ein Repowering. Die wichtigen naturschutzfachlichen sowie immissionsschutzrechtlichen Aspekte sind überprüft, so dass der für die Energiewende so dringend benötige zusätzliche Strom, der in Uetersen auch an windigen Tagen nicht von relevanten Abschaltungen aufgrund zu geringer Netzkapazität betroffen ist, möglichst schnell aus den neuen Anlagen fließen soll. Zudem haben wir gemeinsam mit den Stadtwerken und den schon in der Gesellschaft befindlichen Bürgern einen Mehrwert an Angeboten für die anliegenden Gemeinden, die Stadt Uetersen und die Anwohner. Wir hoffen, dass mit einer starken lokale Bürgerenergie-Genossenschaft das Projekt somit ein Erfolg auf vielen Ebenen wird.

Mehr Hintergrund-Infos zum Windpark Uetersen, einen zeitlichen Projektverlauf für das geplante Repowering und Antworten auf die häufigsten Fragen zum Thema finden Sie auf der Windpark-Webseite unter https://www.windpark-uetersen.de/