Unser Windgas-Experte Marcel Keiffenheim wurde heute in den Düsseldorfer Landtag eingeladen, um dort bei einer Sachverständigenanhörung zum Thema Wasserstoff Expertise über den besten Pfad in die künftige Wasserstoffwirtschaft in Deutschland einzubringen. Hier seine Stellungnahme vor den Abgeordneten:

 

Stellungnahme von Greenpeace Energy zur Anhörung von Sachverständigen am 12. Mai 2020 im Landtag Nordrhein-Westfalen zu den Anträgen mit den Drucksachennummern 17/8589 und 17/8766

Vorbemerkung
Greenpeace Energy eG ist ein bundesweiter Ökoenergieanbieter mit knapp 200.000 Strom- und Gas-Kunden. Ziel der von der Umweltschutzorganisation Greenpeace e.V. gegründeten Energiegenossenschaft mit ihren über 26.000 Mitgliedern ist neben dem Angebot qualitativ besonders hochwertiger Ökoenergie-Produkte ausdrücklich auch der besondere Einsatz für das Gelingen der Energiewende. Im Zuge des proWindgas-Tarifs betreibt und errichtet die Greenpeace Energy eG eigene Elektrolyseure und unterstützt durch den Aufkauf von Wasserstoff weitere Elektrolyseur-Projekte.

Wasserstoff: Baustein der Energiewende und industriepolitische Chance

Wasserstoff birgt enormes Potential. In Elektrolyseuren hergestellt, kann er als Energieträger dazu dienen, erneuerbare Energien langfristig zu speichern. Darüber hinaus kann er die Erneuerbaren in die Sektoren bringen, in denen die Dekarbonisierung nur schleppend voranschreitet. Sinnvolle Anwendungsgebiete sind solche, in denen die direkte Elektrifizierung nicht möglich und hohe Energiedichten erforderlich sind, wie beispielsweise im Fern- und Schwerlastverkehr.

Marcel Keiffenheim, Leiter Politik und Kommunikation bei Greenpeace Energy

Wasserstoff ist allerdings kein neuer Energieträger und wird auch nicht nur in Elektrolyseuren produziert. Momentan wird Wasserstoff zum allergrößten Teil fossil mithilfe der Dampfreformierung hergestellt. Verbindet man diese fossile Herstellung mit CO2-Abspaltung und Speicherung (CCS), wird dieser Wasserstoff als Blauer Wasserstoff bezeichnet. Aufgrund des CCS-Verfahrens gehen zahlreiche Akteure davon aus, dass dieser Blaue Wasserstoff CO2-frei oder CO2-neutral sei. Laut Studien liegen die Emissionen von Blauem Wasserstoff allerdings je nach Verfahren zwischen 143 gCO2/kWh und 218 gCO2/kWh[1]. Darüber hinaus birgt der Aufbau einer Blauen-Wasserstoff-Produktion Kostenrisiken, Projektrisiken und Kapazitätsrisiken. Denn der Blaue Wasserstoff ist abhängig von den Erdgasmärkten, der CCS-Speicherung und den begrenzten Speicherkapazitäten für CO2. Unklar ist, wer Risiken beim Transport und der Speicherung des CO2 trägt und im Schadensfall die Kosten übernimmt. Der Technologiepfad des Blauen Wasserstoffs ist die Fortschreibung der fossilen Energiewirtschaft und kein Teil der Energiewende.

Zur Produktion von Grünem Wasserstoff werden erneuerbare Energien benötigt. Im Einklang mit dem Erneuerbaren-Ausbau verbessern Elektrolyseure durch ihre Möglichkeit zum flexiblen Einsatz die Integration der fluktuierenden Einspeisung von Wind- und Sonnenenergie. Deren Marktwerte können dadurch verbessert und deren Förderbedarf gemindert werden. Ein starker Elektrolyseur-Markt in Deutschland schafft die Grundlage, um diese Technologie auch exportieren zu können. Der Ausbau der Elektrolyseure in Deutschland erzeugt lokale Wertschöpfung. Diese kann allerdings nur sinnvoll erfolgen, wenn die erneuerbaren Energien verstärkt ausgebaut werden. Elektrolyseure sollten zudem möglichst flexibel eingesetzt werden und darauf ausgelegt sein, die fluktuierenden Erneuerbaren zu integrieren. Je mehr fluktuierende Erneuerbare in Deutschland ausgebaut werden, desto häufiger können Elektrolyseure in preisgünstigen Stromstunden Wasserstoff produzieren. Grüner Wasserstoff ist ein wichtiger Baustein unserer Energiewende – aber nur, wenn erneuerbare Energien so weit ausgebaut sind, dass die Elektrolyseure ausreichend Betriebsstunden finden, in denen (fast) ausschließlich Erneuerbare die Stromnachfrage decken.

Investitionen in den Ausbau von erneuerbaren Energien und von Elektrolyseuren sind Investitionen in die Zukunft, während die Investitionen in den Blauen Wasserstoff fossile und überholte Technologien fördern. Die Förderung von Grünem Wasserstoff stößt Kostendegressionen und Lernkurven an, wodurch die Preise von Grünem Wasserstoff sinken. Die Investition in Blauen Wasserstoff dagegen führt zu Verknappung von CO2-Lagerstätten, fördert die Marktmacht einzelner Unternehmen, hängt an den steigenden CO2– und Erdgas-Preisen, riskiert Lock-In-Effekte und steigende Wasserstoffpreise.

Blauer Wasserstoff: Broschuere
Die Studie zu Blauem Wasserstoff in kompakter Broschüren-Form

Grüner Wasserstoff ist nicht nur bei Umwelt- und gesellschaftlichen Aspekten im Vorteil, sondern kann vor allem durch gezielte Förderung schnell Kostenvorteile generieren. In Deutschland und im benachbarten Ausland ist deshalb die Installation bedeutender Elektrolyseur-Kapazitäten zu erwarten, die erhebliche Mengen an Grünem Wasserstoff produzieren können[2]. Gerade auch in Deutschland lassen sich große Elektrolyseur-Kapazitäten installieren, die – entsprechenden Ausbau erneuerbarer Energien vorausgesetzt – Grünen Wasserstoff zu Preisen produzieren können, die mit internationalen Elektrolyseur-Standorten wettbewerbsfähig sind[3]. Die Entscheidung für einen grünen Wasserstoff-Pfad ist deswegen nicht nur ökologisch geboten, sondern auch aus ökonomischer Sicht vernünftig.

Um den Ausbau von Elektrolyseuren anzureizen, bieten sich Förderprogramme an. Diese sollten allerdings stets im Einklang mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien sein und eine flexible, systemdienliche Fahrweise der Elektrolyseure fördern. So könnte ein Fördermechanismus an die fluktuierende Einspeisung von Erneuerbaren Energien angepasst werden und über ein Preis-Signal klar kommunizieren, welche Betriebsstunden des Elektrolyseurs gefördert werden[4].

Neben Förderprogrammen sind allerdings auch regulatorische und gesetzgeberische Maßnahmen erforderlich, um Wasserstoff als Energieträger in unserem Energiesystem sinnvoll zu verankern. Das Genehmigungsverfahren für Elektrolyseure sollte unter anderem überarbeitet werden, und es müssen rechtliche Unstimmigkeiten in EEG und EnWG beseitigt werden.

Um eine nachhaltige Wasserstoffwirtschaft aufzubauen, muss diese mit den Zielen des Paris Klimaabkommens übereinstimmen. Dafür sind Nachhaltigkeitskriterien zwingend erforderlich. Dieser Kriterienkatalog sollte mindestens auf europäischer Ebene abgestimmt sein. Bei Importen muss nachgewiesen werden, dass die Wasserstoffproduktion auch im Ausland nach diesen Nachhaltigkeitskriterien erfolgt.

Potenziale für Importe sollten zunächst im europäischen Rahmen ausgeschöpft werden. In vielen europäischen Ländern herrschen gute Bedingungen für die Produktionen von erneuerbaren Energien und Grünem Wasserstoff, die Handelsbeziehungen und die Transportmöglichkeiten sind vorhanden und gesichert. Generell sollte beachtet werden, dass der Export von Grünem Wasserstoff nach Deutschland nicht zu Lasten der Energiewende in den Herkunftsländern geht.

Kontakt:
Marcel Keiffenheim
Leiter Politik und Kommunikation
Greenpeace Energy eG
Hongkongstr. 10
20457 Hamburg
Tel.: 040 808 110 – 675
E-Mail: marcel.keiffenheim@greenpeace-energy.de

[1] https://www.greenpeace-energy.de/fileadmin/docs/publikationen/Studien/blauer-wasserstoff-studie-2020.pdf

[2] Liste geplanter Projekte in https://www.greenpeace-energy.de/fileadmin/docs/publikationen/Studien/blauer-wasserstoff-studie-2020.pdf, S. 20

[3] https://www.greenpeace-energy.de/fileadmin/docs/pressematerial/190925_EnergyBrainpool_Erneuerbar-in-allen-Sektoren.pdf

[4] https://www.greenpeace-energy.de/fileadmin/docs/pressematerial/190925_EnergyBrainpool_Energiewendedienliche_Fahrweise_Elektrolyseure.pdf

Die Ergebnisse der Kurzstudie zu Blauem Wasserstoff finden Sie kompakt zusammengefasst auch in der Broschüre Blauer Wasserstoff – Lösung oder Problem der Energiewende?