Der Neujahrsempfang des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE) ist eine feste Größe im Kalender der Ökostrom-Branche. In diesem Jahr ist die Berliner Großveranstaltung mit 1.400 Gästen politisch aufgeladen wie selten: Am selben Tag wird im Kanzleramt um Kohleausstieg und Windausbau gerungen, Kohleausstiegsgesetz und die Wasserstoff-Strategie der Bundesregierung sind die bestimmenden Themen der Woche. Auch Greenpeace Energy ist auf dem Neujahrsempfang präsent – und kann die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht nur informieren, sondern auch: mobilisieren.

Windcontainer von Greenpeace Energy. Foto: BEE

Der riesige Glaskasten in der Auffahrt des Berliner Maritim-Hotels ist nicht zu übersehen. Und jeder, wirklich jeder, der auf dem Weg zum diesjährigen BEE-Neujahrsempfang ist, muss an diesem Gebilde vorbei, hinter dessen durchsichtigen Wänden sich ein mannshoher Wirbel aus Stimmzetteln erhebt. Greenpeace Energy hat mit dem Container (Foto oben) und der Kampagne #Windstärken ein unübersehbares Statement gesetzt: Dafür, die kriselnde Windenergie wieder auf Kurs zu bringen und energisch auszubauen, weil Deutschland seine Klimaschutzziele sonst nicht mehr erreicht. Auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) muss auf dem Weg von seiner Dienstlimousine aufs Podium  an der gläsernen Windbox vorbei – und bekommt von Greenpeace Energy auch gleich eine Liste mit aktuellen Forderungen zur Stärkung des Windausbaus überreicht.


Video vom BEE-Neujahrsempfang

Podiumsdiskussion zum „Blauen Wasserstoff“. Fotos (3): Christoph Rasch / Greenpeace Energy eG

Die Energiegenossenschaft ist präsent auf dem Neujahrsempfang: Schon am Nachmittag greift man mit einer eigenen Podiumsdiskussion ein derzeit intensiv von der Branche diskutiertes Thema auf: Die Frage, auf welche Weise künftig große Mengen von Wasserstoff  produziert werden sollen, den man als Speichermedium für ein erneuerbares Energiesystem dringend benötigt. Greenpeace Energy debattiert diese Frage vor dem Hintergrund einer neuen Studie mit Verbands- und Wissenschaftsvertretern: Im Zentrum steht der so genannte „Blaue“ Wasserstoff, der aus Erdgas hergestellt und dessen Einsatz vom Bundeswirtschaftsministerium und Teilen der Industrie propagiert wird. „Statt ‚blauem‘ brauchen wir aber grünen Wasserstoff, weil nur dieser aus erneuerbaren Energien kommt , idealerweise aus heimischen Ökokraftwerken – und wir müssen auf diese Quellen setzen, damit die Energiewende auch gelingt“, sagte Marcel Keiffenheim, Leiter Politik und Kommunikation bei Greenpeace Energy.

Auch Peter Altmaier kommt auf den „grünen Wasserstoff“ zu sprechen – als „Endziel“ der Bemühungen, irgendwann fossiles Erdgas zu ersetzen. Die Erwartungen an die Botschaften, die der Minister für die versammelte Erneuerbaren-Gemeinde im Gepäck hat sind hoch an diesem Abend – vor allem die der kriselnden Windindustrie. Altmaier verkündet: „Wenn es nach mir geht, werden wir schon in der ersten Februarhälfte Klarheit darüber haben, dass die Ampeln auf Grün gestellt werden und der Windausbau losgeht.“

Fast im selben Atemzug kündigt Altmaier eine zeitnahe Aufhebung des Ausbaudeckels für neue Photovoltaik-Anlagen an, da deren Kosten „ein wirtschaftlich vertretbares Niveau erreicht“ hätten. Gleichwohl verweist der kritikerprobte Bundeswirtschaftsminister („Ich halte viel Wind aus“) in seiner Rede einmal mehr auf die angeblich mangelnde Akzeptanz für den Windausbau in der Bevölkerung. Auch bei dieser Bemerkung geht ein Raunen durch den Saal – auch deshalb, weil das von Altmaier immer aufs Neue bemühte Stimmungsbild durch Studien nicht belegt wird.

Simone Peter mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) auf dem Weg zum Podium.

Dem Argument entgegnet BEE-Präsidentin Simone Peter: „Nicht die Erneuerbaren haben ein Akzeptanzproblem, sondern Kohle und Atom.“  Die Branche wolle sich hier keine Debatte überstülpen lassen, die wenig mit der Wirklichkeit zu tun habe, so Peter. Stattdessen müsse die Politik den Erneuerbaren-Ausbau jetzt beherzt forcieren: „Ein Energiewendeland kann kein Kohleland bleiben. Lassen die fossilen Energien hinter uns!“ Und auch Gastrednerin und Grünen-Co-Chefin Annalena Baerbock mahnt: „Wenn wir die Erneuerbaren nicht schnell weiter ausbauen, dann können wir nicht sagen: Wir schalten jetzt irgendwelche Kohlekraftwerke vorzeitig ab. Das gehört Hand in Hand. Das eine geht nicht ohne das andere, das muss zeitgleich mit auf den Weg gebracht werden.“ Worte, die Minister Altmaier schon nicht mehr hört. Der ist frühzeitig wieder gegangen, zum Ökostrom-Krisengipfel zwischen Bund und Ländern im Kanzleramt.

Die komplette Rede von Eckart von Hirschhausen gibt es hier im Video zu sehen.

Einen ganz neuen Akzent im traditionellen Neujahrs-Stelldichein der Erneuerbaren-Branche liefert unterdessen Arzt und TV-Comedian Eckhardt von Hirschhausen, dessen Vortrag zwischen drastischen Bildern und humorvollen Bonmots balanciert: „Ich liebe diesen Satz von einem australischen Feuerwehrmann, der sagte: Am Ende eines Feuerwehrschlauches wirst Du keine Klimaskeptiker finden.“ Fast eine dreiviertel Stunde lang widmet sich der Mitgründer der „Scientists for Future“ der Frage, wie eine zeitgemäße Klimaschutz-Kommunikation heute aussehen kann: „Wir brauchen eine positive Vision, wie eine Post-Wachstumsgesellschaft aussieht, weil wir getrieben sind von diesem künstlichen Mangel, dass wir Sachen kaufen, die wir nicht brauchen, von Geld und Ressourcen, die wir künftigen Generationen wegnehmen um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen. Und das ist Quatsch!“

Blick ins Foyer: Viele Teilnehmer diskutierten bis spät in die Nacht.

Aller Kater- und Krisenstimmung zum Trotz: Bis tief in die Nacht währt auch der diesjährige Neujahrsempfang des BEE in politisch besonders aufgeladenen Zeiten. Und wer den Heimweg antritt, den verabschiedet am Ausgang wieder der Windstärken-Container mit seinem rotierenden Protest-Wirbel. Am Ende des Abends geben auch hunderte Menschen ihre Stimme ab, um einen ambitionierteren Ausbau der Windenergie einzufordern. Ein Bild – und eine Botschaft –, die hoffentlich auch beim Bundeswirtschaftsminister hängen geblieben ist.