Es braucht Mut und Durchhaltewillen, um der schmutzigen Braunkohleverstromung direkt in den Kohlerevieren politisch entgegenzutreten – vor allem, wenn man selbst dort lebt.  Während die mediale Aufmerksamkeit auf den Konflikt um den Hambacher Wald gerichtet ist, finden sich auch im ostdeutschen Revier in der Lausitz Geschichten vom kreativen Braunkohle-Widerstand: Zum Beispiel auf einem alten Spinnereigelände unweit des heutigen Tagebaus Nochten.

Wir biegen in einen Wald ein und rollen auf ein dreigeschossiges, 200 Jahre altes Backsteingebäude zu – da steht sie, die einst mit Wasserkraft betriebene Spinnerei für Holzwollseile. Wir befinden uns in der Lausitz, einer Region zwischen Sachsen, Brandenburg und Polen, die nach dem Rheinischen Revier das zweitgrößte Braunkohleabbaugebiet Deutschlands ist. Dort besuchen wir Adrian Rinnert und Friederike Böttcher, Treiber und Initiatoren des Vereins „Eine Spinnerei vom nachhaltigen Leben e.V.“. Seit 2011 leben die beiden mitten im Braunkohlegebiet bei Neustadt auf dem verwunschenen ehemaligen Fabrikgelände. Das Hauptgebäude stand einige Jahrzehnte lang leer und ist trotz seiner eigentlich guten Bausubstanz in einem Zustand, der eine Nutzung erst nach intensiver Restaurierung erlauben würde. Beim Rundgang mit Adrian wird schnell klar, dass alles hier mit viel Liebe zum Detail und insbesondere zur Natur gebaut wurde. „Wo immer möglich, haben wir Naturmaterialen verwendet“, sagt Adrian und deutet auf das Wohnhaus.

Kein Leben in der Struga. Foto: Matthias Hessenauer / Greenpeace Energy

Die „Spinner“, wie sie sich selbst gerne nennen, haben die Vision, auf diesem Grundstück einen Kulturort zu schaffen, der auch auf die Region ausstrahlt. Hier knüpft auch das Konzept der freien Alternativschule an, die Friederike Böttcher gerade aufbaut, gemeinsam mit Ursula Eichendorff, einem weiteren Vereinsmitglied der Spinnerei. „Um eine pluralistische Gesellschaft zu formen, muss man bei den Kindern ansetzen. Mit einem vielfältigen Bildungssystem sind auch die Voraussetzungen für eine zukunftsfähige Region gegeben, und es kann verhindert werden, dass immer mehr Menschen hier wegziehen“, erzählt uns Böttcher, während wir durch die kleine Gemeinde Spreetal in Richtung des Spinnereigeländes fahren, vorbei an Einfamilienhäusern mit SUVs in der Einfahrt. Am Horizont steigen die Abgase des Industrieparks Schwarze Pumpe samt des berüchtigten Kohlekraftwerks in den Himmel.

Lebensentwurf vom selbstbestimmten Konsum

Vorhandene Ressourcen nutzen und die eigene Vorstellung von einem alternativen Leben auszuprobieren, das war die Vision der Spinner, als sie vor acht Jahren nach Spreetal gezogen sind. Die Böden des Wohnhauses sind komplett mit Lehm eingelassen und mit Flaschen gedämmt. Die Dachgiebel bestehen aus alten Tonröhren; recycelte Wolle und Lehm dämmen die Zimmerdecken. An der Vorderseite des Gebäudes ranken sich reife Tomaten die Außenwände hinauf. „Dort drüben haben wir ein Hochbeet errichtet. Es reicht zwar nicht zur Selbstversorgung, aber den Rest organisieren wir zum Beispiel über Foodsharing“, erzählt uns Adrian und zeigt uns riesige Zucchini. Die Idee, alles aufzugeben und aufs Land zu ziehen war die bewusste Entscheidung für einen Lebensentwurf, in dem der eigene Konsum selbstbestimmt gestaltet werden kann.

Noch in einem baufälligen Zustand, bald ein identitätsstiftender Kulturort, wenn es nach Adrian Rinnert und Friederike Böttcher geht. (Foto: Matthias Hessenauer / Greenpeace Energy)

Diese Lebenseinstellung findet im Spreetal nicht überall Anklang. Immer wieder sieht sich die Spinnerei heftigem Widerstand einiger Gemeindemitglieder und Braunkohlebefürworter gegenüber. Im Frühjahr 2013 initiierten die Akteure der Spinnerei das bürgerschaftliche Bündnis „Strukturwandel jetzt – kein Nochten II“ gegen den gleichnamigen geplanten Tagebau und die damit verbundene Abbaggerung mehrerer Dörfer samt Umsiedlung von 1900 Menschen und gegen die Zerstörung des Naturraumes. Und das mit Erfolg: Durch das breite Bürgerengagement und den heftigen Widerstand aus der Region wurde Nochten II 2017 aus der Tagebau-Planung gestrichen. Allerdings schürte die Einmischung der Spinnerei und ihre Unterstützer Unmut in einer Region, die traditionell von der Braunkohle dominiert wird.

Eskalierender Konflikt und sogar Übergriffe

Der einzige sichere Fußweg vom Gelände der Spinnerei zurück nach Schleife führt durch Wald. (Foto: Matthias Hessenauer / Greenpeace Energy)

Dieser Konflikt hält bis heute an und spitzt sich weiter zu. „Seit 2013 ist die Spinnerei regelmäßigen Übergriffen und Anschlägen, wie Briefkastensprengungen und Grundstückssperren im Wald ausgesetzt“ sagen die Projektinitiatoren. Besucher und Vereinsmitglieder seien beim Versuch, das Spinnereigelände zu besuchen, nicht selten beschimpft oder –  wie ein aktueller Vorfall Anfang dieses Jahres zeigte –  sogar überfallen worden. Barrieren im Wald sollen verhindern, dass Vereinsmitglieder die sichere Route durch den Wald nach Neustadt nehmen. Einzige Alternative als Weg in den Ort ist derzeit die viel befahrene Spreewitzer Straße – allerdings eine ohne Fahrrad- oder Fußgängerwege. Diese Straße soll, weiter ohne Fuß- und Radwege für den Fahrzeugverkehr ausgebaut werden – de facto für den Kohletransport zwischen der Schwarzen Pumpe und dem Tagebau.  Ein von der Gemeinde offensichtlich erwünschter Nebeneffekt: Das der Spinnerei gegenüberliegende Grundstück, das ebenfalls dem Verein gehört und auf dem eine bunte Streuobstwiese entstehen soll, würde für den Straßenausbau enteignet werden. Der Verein vermutet, dass hierfür sogar staatliche Strukturwandelgelder als Subventionierung hergenommen werden.

Wir stehen auf einer kleinen Brücke an der Grundstücksgrenze und blicken über das Gelände und auf den darunter fließenden Bach, der angesichts des grünen Biotops eigentlich klar schimmern müsste. Wir sehen stattdessen eine rostbraune Brühe. „Hier überlebt kein Fisch. Das Gewässer ist tot. Die Ergebnisse der Wasserprobe stehen noch aus“, erzählt Adrian.

Ein kleines Idyll am Rande des Braunkohletagebaus. (Foto: Luana Salvaggio / Greenpeace Energy)

Nach einem Seufzer zeigt er uns die Outdoor-Küche, die bei Kräuter-Workshops zum Einsatz kommt. „Perspektivisch sollen natürlich die Innenräume der Spinnerei für solche Events ausgestattet sein.“ Wir folgen Adrian in das marode Gebäude und über eine morsche Holztreppe hinauf ins Obergeschoss. „Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, die Spinnerei ist eigentlich in einem guten Zustand“, sagt Adrian und zeigt auf die Deckenbalken. Jeder einzelne Holzbogen ist in detaillierten Bauplänen mit dem jeweiligen Zustand vermerkt worden. Die meisten Balken können bleiben, nur wenige müssen ausgetauscht oder verstärkt werden.

Viele Möglichkeiten – inklusive Solarstrom vom Dach

Hier wäre vieles möglich: Mit ungefähr 170 Quadratmetern bietet der größte Raum in der ersten Etage Platz für Veranstaltungen, Seminare, Workshops, Ausstellungen, Vorführungen und vieles mehr. In den Werkstätten im Erdgeschoss könnten sich Künstler austoben oder alte Handwerkstechniken für das Herstellen, Reparieren und Erhalten von Gebrauchsgegenständen, aber auch das Up- und Recycling von Alltagsgegenständen erlernt und praktiziert werden.

Eine PV-Anlage wie hier auf einem Künstlerhaus in Hamburg wäre auch in der Lausitz möglich. Foto: Sabine Vielmo / Greenpeace Energy eG

Auch eine Versorgung mit erneuerbaren Energien soll auf dem Dach des Gebäudes in Form von Solarthermie und Photovoltaik erfolgen. Ein mögliches Solarstrom plus-Projekt, welches viel eher schon in die Umsetzung hätte gehen können, wenn der Verein nicht ständig mit Widerständen in der Gemeinde zu kämpfen hätte, die die Umsetzung weiter verzögern. „Das Projekt des Vereins Eine Spinnerei erfüllt alle Voraussetzungen für ein tolles Solarstrom-plus-Projekt: Bürgerschaftliches Engagement im Braunkohlegebiet, einen Bürgerenergiegedanken und die Bestrebung mit dem Ausbau der Erneuerbaren zu zeigen, dass es Alternativen zur schmutzigen Stromgewinnung aus Kohle gibt, insbesondere dort, wo noch immer daran festgehalten wird. Genau das wollen wir mit unserem Tarif fördern“ sagt Matthias Hessenauer, Kooperationsbeauftragter von Greenpeace Energy eG. Seit 2017 fördert Greenpeace Energy mit dem Solarstrom plus-Tarif Erneuerbare-Energien-Projekte in Braunkohlegebieten und konnte bereits drei PV-Projekte umsetzen. Damit trägt Greenpeace Energy eG aktiv zum überfälligen, sozialverträglichen Strukturwandel in Braunkohlerevieren bei.

„Den musste ich einfach retten“, so Adrian Rinnert über den historischen Heuwagen. (Foto: Matthias Hessenauer / Greenpeace Energy)

„Wir leben hier in einer Region mit wachsendem Anteil von Populisten, zunehmendem Alltagsrassismus und einer starken Autoritätshörigkeit in Verknüpfung mit einem ausgeprägten Ohnmachtsgefühl. Viele, die wegziehen, tun das auch, weil sie für ihre Kinder keine Perspektive sehen“, erklärt Friederike, während sie uns den Kaffee in selbstgemachte Tontassen gießt. Die Alternativschule soll bereits im August dieses Jahres im 16 Kilometer entfernten Weißwasser eröffnet werden. Eine Genehmigung gibt es traditionell erst wenige Wochen vorher. Erste Anmeldungen gibt es dennoch bereits. Die Grundschule bietet einen Ort für maximal 32 Schüler.

Zukunftspläne im Angesicht des Tagebaus

„Unsere Kinder werden in ihrem Erwachsenenleben vor großen ökonomischen, ökologischen und sozialen Herausforderungen stehen. Um unter diesen Umständen eigene positive Lebenskonzepte zu entwickeln, sind besondere persönliche Kompetenzen erforderlich – wie etwa die Fähigkeit zur demokratischen Entscheidungsfindung, sowie die Bereitschaft, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Diese Kompetenzen wollen wir hier besonders fördern.“ Friederike reicht uns die Hafermilch. Während wir über Zukunftspläne und gemeinsame Projektideen diskutieren, laben sich handgroße Schmetterlinge an den wilden Rosen. Die Vögel zwitschern lauthals aus den Büschen, als wir nach einigen Stunden den malerischen Ort der Spinnerei auf dem Weg nach Neustadt durch den Wald wieder verlassen.

Mondlandschaft und Kohlestaub. An der Abbruchkante des Braunkohletagebaus in der Lausitz. (Foto: Matthias Hessenauer / Greenpeace Energy)

Vor unserer Abreise am nächsten Tag wollen wir noch einmal den Tagebau sehen. Adrian und Friederike sammeln uns in Neustadt ein und wir fahren in Richtung Braunkohletagebau. Als wir aussteigen, hören wir das lautstarke Quietschen der Kohlebänder, welches uns im ersten Moment an Walgesänge erinnert. Der Blick auf den Tagebau ist durch einen dicht gestapelten Wall aus Ästen verstellt. Erst als wir auf der Plattform stehen, sehen wir das ganze Ausmaß der Kohlegrube. Eine braune Nebeldecke breitet sich über den Tagebau aus, dessen Ende man mit bloßem Auge kaum erkennen kann. Im Hintergrund pustet das Kraftwerk Schwarze Pumpe klimaschädliche Abgase in die Atmosphäre. Allein im Jahre 2016 stieß das Kraftwerk zwölf Millionen Tonnen CO2 aus. Trotz der Entscheidung der Kohlekommission, den Braunkohletagebau bis spätestens 2038 zu beenden, gibt es bisher – Stand Sommer 2019 – noch kein konkretes Gesetzespaket, welches diese Empfehlungen in politische Maßnahmen gießt. In der Ferne sehen wir Windräder. Sie stehen still. Ein guter Tag für die Kohle, ein schlechter für den Klimaschutz.

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