Guter Rat: Das Rad! Für die aktuelle Episode unsere Artikelreihe #bemybikefriend bleiben wir in der Hamburger Hongkongstrasse, begeben uns aber ein paar Etagen tiefer zu unserer Greenpeace Kollegin und Verkehrsexpertin Marion Tiemann. Mit ihr sprechen wir ihr über gefährliche Radwege, die Mobilität der Zukunft und wie die Demokratisierung der Straße gelingen kann.

Schmale Fahrradspuren, Falschparker, gefährliche Kreuzungen. Radfahrer haben oftmals das Nachsehen. Das zeigt leider auch der Blick in die aktuelle Verkehrsstatistik: Allein 2018 kamen in Deutschland 418 Menschen beim Fahrradfahren ums Leben – das sind 50 Getötete mehr als noch im Vorjahr –, mehr als 79.000 Radfahrende wurden verletzt.

Marion Tiemann, Greenpeace Verkehrsexpertin (Foto: Daniel Müller / Greenpeace)

Dennoch sprechen zahlreiche Argumente für den Drahtesel: Auf sicheren Radwegen ist Radfahren gesund, Ärger aus dem Büro bleibt beim Tritt in die Pedale oft auf der Strecke. Gut für die Umwelt ist es sowieso. Auch die Klimakrise verlangt ein Umdenken: Weg von Diesel und Benzin, hin zu mehr Rad- und Fußverkehr sowie einem deutlichen Ausbau von Bus und Bahn. Zeit also, die Straßenverhältnisse zugunsten des Rades zu verschieben.

Greenpeace Energy: In der aktuellen Greenpeace Studie „Radfahrende schützen – Klimaschutz stärken“ wird eingangs eine ganz zentrale Frage gestellt: Wem gehört die Straße?

Marion Tiemann: Theoretisch uns allen, praktisch dem Auto. Der größte Teil des öffentlichen Raums ist heute durch fahrende und parkende Autos besetzt. Dabei ist Platz in der Stadt kostbar. Wenn sich immer mehr Menschen auf der gleichen Fläche bewegen wollen, wird es ungemütlich. Die zunehmende Aggression spüren heute schon alle, die in der Stadt unterwegs sind. Gerade für Radfahrende wird es immer gefährlicher. Politiker müssen jetzt beginnen, den knappen Straßenraum gerechter zu verteilen, damit sich dieser Kampf um die Straße nicht weiter zuspitzt.

Greenpeace Energy: Wie wollt Ihr erreichen, dass zukünftig wieder der Mensch im Mittelpunkt steht? Mit welchen Maßnahmen kann dies gelingen?

Marion Tiemann: Seit den 60er Jahren haben Stadtplaner unsere Städte so gebaut, dass man mit dem Auto möglichst leicht und schnell von A nach B kommt: Fast überall dürfen Autos fahren und oft kostenlos parken. Inzwischen lassen sich die Folgen der Fixierung auf das Auto nicht mehr übersehen: schmutzige Luft, dauernder Lärm, hohe Unfallzahlen bei Radfahrenden und Fußgängern, toter Raum für parkende Autos. Städte brauchen mit einer überarbeiteten Straßenverkehrsordnung dringend die rechtlichen Möglichkeiten, um Fuß- und Radverkehr mehr Platz und mehr Rechte einzuräumen.

Greenpeace Energy: Ein recht charmant klingender Standpunkt von Greenpeace lautet: „Man muss das Rad nicht neu erfinden – aber besser behandeln!“ Das Fahrrad sei die entwaffnend einfache Antwort auf viele Probleme: auf Klimakrise, Verkehrssicherheit, schlechte Luft und Lebensqualität in Städten. Kannst Du das etwas konkretisieren?

Marion Tiemann: Ein großer Teil unserer Wege in der Stadt ist so kurz, dass sie sich mit dem Fahrrad schneller und einfacher als mit jedem anderen Verkehrsträger erledigen lassen. Davon profitiert die Stadt enorm, denn Radfahren ist abgasfrei, braucht wenig Platz und macht keinen Lärm. Natürlich müssen auch Bus und Bahn massiv ausgebaut werden, doch das dauert lange und ist teuer. Sichere Radwege kosten wenig Geld und lassen sich schnell umsetzen. Sie sind die perfekte Sofortmaßnahme für klamme Kommunen mit Verkehrsproblemen – also für nahezu jede Stadt.

Greenpeace Energy: Das Auto als Fortbewegungsmittel steht zunehmend in der Kritik, immer weniger junge Menschen machen beispielsweise ihren Führerschein. Gleichzeitig nimmt das Interesse am Fahrradfahren in deutschen Innenstädten zu. Leider steigt aber auch die Zahl der tödlich verunglückten Radfahrenden. Was macht den Radverkehr hierzulande so gefährlich?

Kurzexpertise „Radfahrende schützen, Klimaschutz stärken“

Marion Tiemann: Die größte Gefahr für Radfahrende sind mutlose Politikerinnen und Politik, die sich nicht trauen den Platz auf den Straßen neu zu verteilen. Heute kann eine Radfahrerin auf einer Kreuzung unverschuldet von einem LKW totgefahren werden, ohne dass die Politik diese Kreuzung am nächsten Tag umbaut und sicher macht. Sichere und baulich getrennte Radwege brauchen Platz, ebenso dringend aber brauchen sie mutige Entscheidungen, die dafür wo nötig auch Autospuren und Parkstreifen umwandeln.

Greenpeace Energy: Die Politik kommt also ihrer Verantwortung nicht nach? Was muss sie ändern?

Marion Tiemann: Sie muss Verantwortung für alle Verkehrsteilnehmer übernehmen, Geld in die Hand nehmen, den Platz auf den Straßen neu verteilen und sichere Radwege bauen. Je mehr Menschen Radfahren, desto ungefährlicher wird der Straßenverkehr für alle. Dafür müssen sich Radfahrende aber sicher fühlen. Nur dann steigen Menschen aufs Rad, die sich heute noch nicht oder nicht mehr trauen. Verkehrspolitik muss für ein Netz an baulich getrennten und breiten Radwegen sorgen, auf denen sich auch Kinder alleine sicher bewegen können.

Greenpeace Energy: Mit Eurer Radwege-Karte dokumentiert Ihr den schlechten Zustand der Radwege in ganz Deutschland. Dort kann jede*r Gefahrenstellen für Radfahrende eintragen. Wie genau funktioniert dies?

Die gefährlichsten Radwege in Deutschland.

Marion Tiemann: Das ist ganz leicht: Man kann unterwegs oder von zu Hause aus Problemstellen eintragen und in verschiedene Kategorien einordnen: Ich habe neulich einen gefährlichen Radweg und eine gefährliche Baustelle eingetragen. Man kann aber auch Falschparker auf Radwegen oder gefährliche Kreuzungen markieren. Zusätzlich lassen sich Fotos hochladen und die Einträge mit Kommentaren ergänzen.

Greenpeace Energy: Habt Ihr konkrete Lösungsansätze, wie der Radverkehr sicherer und vor allem attraktiver gemacht werden kann?

Marion Tiemann: Kleiner Spoiler: Halbnackte mit Helm auf Plakatwänden zu zeigen wird nicht reichen. Natürlich können Fahrradhelme, wie Verkehrsminister Scheuer sie gerade bewirbt, Leben retten. Aber Helme ersetzen keine sicheren Radwege. Die kosten mehr Geld als eine PR-Kampagne. Radfahrende und Fußgänger brauchen schnell ihren gerechten Anteil am öffentlichen Raum. Das fängt bei breiten und baulich getrennten Radwegen an und hört bei sicheren Abstellanlagen auf.

Greenpeace Energy: Länder wie die Niederlande und Dänemark machen vor, wie eine vernünftige Verkehrspolitik funktionieren kann. Was wird dort anders gemacht?

Marion Tiemann: Ganz einfach: Radverkehr bekommt dort mehr Platz, mehr Geld und mehr Rechte.

INFO: Machen Sie mit uns Druck für mehr Sicherheit im Radverkehr und tragen Sie Gefahrenstellen für Radfahrende in Ihrer Nähe in die interaktive Karte ein. Weitere Infos zur dringend notwendigen Verkehrswende und Möglichkeiten, selber aktiv zu werden, finden Sie auf der Webseite unserer Kolleginnen und Kollegen von Greenpeace Deutschland.