Wie die Bundesregierung längere AKW-Laufzeiten herbeitrickstGeschenk für Atomkonzerne

– Pressemitteilung

Die Bundesregierung legt sich auf längere AKW-Laufzeiten fest. Die Basis dafür ist ein Energie-Gutachten voller Tricks und Manipulationen.

„Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“, soll Winston Churchill einst gesagt haben. Es scheint, als habe sich Angela Merkel diesen Rat zu Herzen genommen. Kursieren doch selbst im CDU-geführten Umweltministerium interne Papiere, die das Energiegutachten der Bundesregierung als manipuliert und fehlerhaft geißeln. Als Grundlage bestimmter Berechnungen dienten Extremfälle, so die BMU-Experten, „die offensichtlich bewusst ausgewählt wurden, um Klimaschutz und Umstrukturierung der Energieversorgung zu diskreditieren“. 

Auch wenn sich BMU-Chef Norbert Röttgen eilig von dem Geheimpapier aus seinem Haus distanzierte, können sich Umweltschützer der Einschätzung der Ministerialen nur anschließen: „Das Gutachten steckt voller fragwürdiger und von Interessen geleiteter Annahmen“, sagt Greenpeace-Energieexperte Andree Böhling, „die Bundesregierung täuscht vorsätzlich die Öffentlichkeit, um Laufzeitverlängerungen von Atomkraftwerken für notwendig zu erklären.“

Mit dem Gutachten beauftragt waren neben den Instituten Prognos und GWS das - von den Atomkonzernen RWE und E.ON mitfinanzierte - Energiewirtschaftliche Institut der Universität Köln. Die Wissenschaftler vergleichen in ihrer Studie insgesamt fünf Szenarien: Atomausstieg nach geltendem Recht sowie 4, 12, 20 oder 28 Jahre Laufzeitverlängerung.

Dabei drehen sie an allerlei Stellschrauben, um den Ausbau der erneuerbaren Energien auf dem Papier zu bremsen - und somit die Bedeutung der Kernenergie hochzuspielen. Zum Beispiel nehmen die Autoren an, dass die Regenerativen ab 2020 nicht mehr technologiespezifisch - wie derzeit nach dem EEG - gefördert werden. Ein solcher Ansatz brächte die rasante Expansion der Fotovoltaik weit gehend zum Erliegen. Insgesamt kommen die Gutachter so für das Jahr 2050 nur auf 54 Prozent regenerativ erzeugten Strom - eine BMU-Prognose von 2009 liegt bei 90,1 Prozent.

In ihrem Referenzszenario ohne Laufzeitverlängerung sehen die Gutachter zudem keine zusätzlichen Klimaschutz- und Energiesparmaßnahmen vor, wohl aber bei den anderen Szenarien - kein Wunder, dass diese bei der Klimabilanz gut abschneiden. Selbst im Verkehrsbereich ginge demnach der Energieverbrauch zurück, wenn die Reaktoren länger Strom produzieren dürfen. „Blanker Unsinn“, urteilt die Fraktion der Grünen im Bundestag trocken.

Rechentricks dieser Art finden sich in der Studie viele - sei es die gewagte Annahme, die CO2-Abscheidung bei Kohlekraftwerken (CCS) werde bereits 2025 marktreif sein, oder die Ökostrom-Importe aus dem Ausland, mit deren Hilfe man die Klimabilanz der Atom-Szenarien schönt.

Der vielleicht gravierendste Mangel des Gutachtens ist jedoch, dass es das Problem der Systemkonkurrenz zwischen Atomkraft und erneuerbaren Energien ignoriert. Denn immer häufiger werden die Erneuerbaren an windreichen Tagen den gesamten Strombedarf allein decken können. Da die Speichermöglichkeiten begrenzt sind, müssten in solchen Phasen Kraftwerke vom Netz gehen oder ihre Stromproduktion drosseln. Darauf sind Atomreaktoren jedoch nicht eingerichtet. 

Allen Mängeln und Manipulationen zum Trotz vermittelt das Energiegutachten letztlich doch eine erfreuliche Botschaft: Mit allen Tricks haben es die Autoren nicht geschafft, zwingende Argumente für den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke zu konstruieren. Weder auf den Strompreis noch auf die CO2-Emissionen oder die Versorgungssicherheit hat die Dauer der Laufzeitverlängerung spürbaren Einfluss. 

Doch so genau wollte Angela Merkel ihr Gefälligkeitsgutachten dann doch nicht studieren: Nachdem die Atomkonzerne die Bundesregierung mit einer Anzeigenkampagne ungeniert unter Druck gesetzt hatten, einigte man sich hastig auf 14 Jahre Verlängerung für neuere Meiler und 8 Jahre für Altreaktoren. Und wieder einmal basieren die Zahlen auf getürkten Annahmen: Da die Bundesregierung die Extra-Laufzeit in Jahresvolllaststunden bemisst und dabei die Auslastung der Atomkraftwerke viel zu hoch ansetzt, wird die Kernenergie den Deutschen wohl noch etliche Jahre länger erhalten bleiben.

Zurück zum Pressearchiv